Digitaler Nachlass für Gamer und Influencer: Was passiert mit den Accounts nach dem Tod?
Wer stirbt, hinterlässt heute fast immer auch ein digitales Erbe – Accounts, Profile, Abonnements, gespeicherte Käufe. Für die meisten Menschen ist das überschaubar. Doch in manchen Fällen stecken in diesen Daten echte Vermögenswerte: eine Steam-Bibliothek im Wert von mehreren tausend Euro, ein YouTube-Kanal mit laufenden Werbeeinnahmen, ein TikTok-Profil mit aktiven Markenverträgen.
Was damit nach dem Tod geschieht, ist rechtlich ungeklärt – und für Angehörige oft der Beginn einer frustrierenden Suche: Was existiert überhaupt? Wer hat Zugriff? Und was ist es wert?
Gaming-Accounts: Tausende Euro in der Schwebe
Wer über Jahre Spiele auf Steam, im PlayStation Network oder bei Xbox Live gekauft hat, besitzt oft eine Bibliothek im Wert von mehreren tausend Euro – zuzüglich wertvoller Items, Skins oder Sammlerstücke in einzelnen Spielen. Dass dieses digitale Eigentum grundsätzlich vererbbar ist, hat der BGH 2018 im sogenannten Facebook-Urteil klargestellt: Digitale Konten gehen als Teil des Nachlasses auf die Erben über.
Das Problem liegt eine Ebene tiefer. Gaming-Plattformen verbieten in ihren Nutzungsbedingungen die Weitergabe von Accounts – und ob diese Klauseln gegenüber dem erbrechtlichen Grundsatz standhalten, ist für den Gaming-Bereich noch nicht gerichtlich geklärt. Steam, PlayStation Network und Xbox Live handhaben das unterschiedlich restriktiv, doch keine Plattform bietet derzeit eine offizielle Nachlass-Lösung an.
Influencer-Profile: Wenn Content zur Einnahmequelle wird
YouTube-Kanäle mit Werbeeinnahmen, TikTok-Accounts im Creator-Programm oder Instagram-Profile mit Markenkooperationen können monatlich vier- bis fünfstellige Beträge einbringen. Diese Einnahmen laufen nach dem Tod nicht automatisch weiter.
Viele Influencer haben laufende Werbeverträge, Affiliate-Programme oder Merchandise-Shops. Ohne klare Regelungen wissen Angehörige oft nicht einmal, welche Verträge bestehen. Werbeeinnahmen werden bei Inaktivität eingestellt, Markenkooperationen enden meist automatisch. Der monetäre Wert kann so schnell verfallen – und mit ihm oft die Existenzgrundlage von Familien, die vom Einkommen als Content Creator abhängig waren.
Die Rechtslage: Was gilt in Deutschland?
Nach deutschem Erbrecht gehört der digitale Nachlass zur Erbmasse – das hat der Bundesgerichtshof 2018 eindeutig festgestellt. Das bedeutet: Erben haben grundsätzlich Anspruch auf Zugang zu allen Accounts des Verstorbenen, einschließlich Gaming-Plattformen und Social-Media-Profilen.
Die Praxis sieht oft anders aus. Plattformen berufen sich auf ihre Nutzungsbedingungen, die eine Weitergabe ausschließen. Ob solche AGB-Klauseln mit deutschem Erbrecht vereinbar sind, ist für Gaming-Accounts noch nicht höchstrichterlich entschieden. Für Social-Media-Accounts hat das OLG Oldenburg 2024 geurteilt: Erben dürfen Instagram-Konten nicht nur einsehen, sondern auch aktiv nutzen.
Praktische Vorsorge
Der erste und entscheidende Schritt ist eine vollständige digitale Bestandsaufnahme. Wer Gaming-Accounts, monetarisierte Social-Media-Profile und laufende Werbeverträge nicht dokumentiert, lässt Angehörige im Dunkeln – unabhängig davon, ob der Wille zur Regelung vorhanden war.
Was Gamer dokumentieren sollten:
- Alle Gaming-Plattformen mit Nutzernamen (Steam, PlayStation Network, Xbox Live, GOG, Epic Games)
- Geschätzter Wert der Bibliothek
- Besonders wertvolle Items, Skins oder Sammlerstücke
- In-Game-Währungen mit realem Gegenwert
Was Influencer und Content Creator regeln sollten:
- Alle monetarisierten Plattformen (YouTube, TikTok, Instagram, Twitch)
- Laufende Werbeverträge mit Laufzeiten und Konditionen
- Affiliate-Programme und deren Auszahlungsmodalitäten
- Merchandise-Shops und deren Verwaltung
- Monatliche Einnahmen zur Bewertung
Passwort-Manager mit Notfallzugriff: Die praktische Lösung
Sinnvoll ist ein Passwort-Manager mit eingerichtetem Notfallzugriff. Login-Daten sind so gesichert, zugänglich für Vertrauenspersonen und müssen nicht offen weitergegeben werden. Anbieter wie Bitwarden, 1Password oder Dashlane bieten sogenannte Emergency Access-Funktionen: Eine festgelegte Person erhält nach einer Wartezeit (z. B. 30 Tage) automatisch Zugriff, wenn Sie selbst nicht mehr reagieren können.
Ebenso wichtig ist das Gespräch mit Angehörigen darüber, was mit einzelnen Accounts geschehen soll. Bei Influencer-Profilen stellt sich die Frage besonders konkret: Soll der Kanal öffentlich bleiben, in einen Gedenkzustand versetzt oder gelöscht werden? Plattformen wie YouTube und Instagram bieten dafür unterschiedliche Optionen – die aber nur greifen, wenn jemand sie rechtzeitig kennt und beantragen kann.
Rechtlicher Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Wiese Bestattungen bietet keine juristische Beratung an und ist dazu auch nicht befugt. Bei konkreten rechtlichen Fragen zum digitalen Nachlass empfehlen wir Ihnen, fachkundigen juristischen Rat einzuholen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich meinen Steam-Account legal vererben?
Nach deutschem Erbrecht ja – digitale Konten gehören zur Erbmasse. Steam verbietet in den Nutzungsbedingungen die Weitergabe, ob diese Klausel aber vor deutschen Gerichten standhalten würde, ist ungeklärt. Praktisch können Sie Ihre Login-Daten über einen Passwort-Manager mit Notfallzugriff weitergeben. Valve kann kaum feststellen, wer den Account nutzt.
Was passiert mit meinem YouTube-Kanal, wenn ich sterbe?
YouTube stellt den Kanal bei längerer Inaktivität nicht automatisch ein. Werbeeinnahmen laufen zunächst weiter, können aber bei fehlenden Uploads sinken. Erben können mit Sterbeurkunde und Erbschein Zugang beantragen. Sie können den Kanal weiterführen, in einen Gedenkzustand versetzen oder löschen lassen.
Sind TikTok Creator Fund Einnahmen vererbbar?
Grundsätzlich ja, da Geldansprüche zur Erbmasse gehören. Allerdings ist der Account an die Person gebunden – neue Videos können Erben nur posten, wenn sie Zugang haben. Laufende Auszahlungen sollten gesichert werden, indem Zugangsdaten zum TikTok-Konto und zur verknüpften Bankverbindung dokumentiert sind.
Wie viel ist ein Gaming-Account mit 500 Spielen wert?
Das hängt vom Kaufzeitpunkt ab. Bei Vollpreis-Käufen können 500 Spiele leicht 10.000–20.000 Euro wert sein. Hinzu kommen In-Game-Items, Skins oder Sammlerstücke, die teils hunderte Euro kosten. Steam zeigt in den Account-Details an, wie viel Sie ausgegeben haben.
Können Markenkooperationen nach dem Tod weiterlaufen?
Meist nein. Influencer-Verträge sind in der Regel an die Person gebunden und enden mit dem Tod. Einige Verträge haben aber Klauseln für Krankheit oder Tod, die eine Übergangsregelung vorsehen. Ohne schriftliche Dokumentation wissen Angehörige oft nicht mal, welche Verträge existieren.
Was ist mit wertvollen Skins in CS:GO oder Fortnite?
Skins und Items gehören zum Account-Inventar und sind Teil des digitalen Nachlasses. CS:GO-Skins können auf dem Steam Community Market hunderte bis tausende Euro wert sein. Erben können diese verkaufen, wenn sie Zugang zum Account haben – daher ist die Dokumentation der Login-Daten essentiell.
Sollte ich im Testament einzelne Accounts erwähnen?
Nicht unbedingt einzeln. Besser ist eine allgemeine Klausel wie „Mein digitaler Nachlass, dokumentiert in meinem Passwort-Manager, geht an [Person]“. Einzelne Accounts zu listen ist unpraktisch, da ständig neue hinzukommen oder wegfallen. Die Liste im Passwort-Manager ist flexibler.
Was passiert mit meinem Twitch-Kanal?
Twitch hat keine offizielle Nachlass-Regelung. Bei längerer Inaktivität werden Einnahmen eingestellt, der Kanal bleibt aber bestehen. Erben können mit den Login-Daten auf den Account zugreifen. Subscriber-Einnahmen laufen nur so lange, wie Abos aktiv sind – meist maximal einen Monat nach dem Tod.
Kann ich festlegen, dass mein Gaming-Account gelöscht wird?
Ja, das können Sie testamentarisch verfügen oder einer Vertrauensperson per Vollmacht übertragen. Die meisten Plattformen löschen Accounts auf Antrag. Wichtig: Geben Sie der Person auch die Login-Daten, sonst kann sie Ihren Wunsch nicht umsetzen.
Wie beweise ich gegenüber Steam, dass ich erbberechtigt bin?
Steam verlangt in der Regel Sterbeurkunde und Erbschein. Allerdings gibt es keine offizielle Nachlass-Prozedur bei Valve. Praktischer ist es, den Zugang über einen Passwort-Manager zu regeln, sodass Erben einfach mit den vorhandenen Login-Daten auf den Account zugreifen können.
Was ist mit PlayStation Plus oder Xbox Game Pass Abos?
Laufende Abos werden bis zum Ende der bezahlten Periode weitergeführt, dann automatisch beendet (wenn keine Lastschrift mehr möglich ist). Erben können die Abo-Kosten als Nachlassverbindlichkeit geltend machen. Wichtig ist, Zahlungsmethoden zu prüfen und zu kündigen.
Müssen Erben Einnahmen aus YouTube oder TikTok versteuern?
Ja. Einnahmen, die nach dem Todesfall zufließen, gehören zum Nachlass und müssen in der Erbschaftsteuererklärung angegeben werden. Zudem müssen laufende Einnahmen als Einkünfte versteuert werden, solange der Kanal aktiv ist.

