Kinder zur Beerdigung mitnehmen?

Wenn ein Verwandter verstorben ist, fragen sich viele Eltern, ob sie ihre Kinder zur Beerdigung mitnehmen sollten oder ob es besser ist, ihnen das traurige Erlebnis zu ersparen. – Trauerbegleiterin Ramona Lersch gibt wichtige Entscheidungshilfen.

Die Teilnahme von Kindern an einer Trauerfeier oder Beerdigung – eine Frage, mit der ich in meiner Arbeit als Trauerbegleiterin häufig zu tun habe, und auf die es selbstverständlich keine pauschale Antwort gibt. Deshalb ist es mein Ziel, den Eltern im persönlichen Gespräch einige Gedanken und Aspekte nahezubringen, die es ihnen ermöglichen, die für sie richtige Entscheidung zu treffen.

Abschied leben

Babys zur Trauerfeier mitzunehmen, ist sicherlich nicht sinnvoll; sie könnten lauthals zu schreien oder zu weinen beginnen. Auch Kinder bis zum Alter von etwa 3 oder 4 Jahren sollten nach Möglichkeit während der Beerdigung anderswo in guter Obhut untergebracht werden. 

Früher wurde generell davon abgeraten, Kinder an einer Beerdigung teilnehmen zu lassen – ein solches Erlebnis könne die junge Seele nicht verkraften. Mittlerweile weiß man aber, dass im Gegenteil die Heranführung an den Tod als Teil des Lebens der kindlichen Entwicklung sogar zuträglich ist. Um das eigene Traurigsein über den Tod eines ihnen nahestehenden Menschen bewältigen zu können, ist es wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen – auf eine ihnen gemäße Weise.

In die Trauerfeier einbeziehen

Für das altersgerechte Abschiednehmen kann es durchaus hilfreich sein, Kinder in den Ablauf der Trauerfeier oder in die Vorbereitungen dazu mit einzubeziehen – indem sie zum Beispiel ein Bild für den Verstorbenen malen oder einen Brief schreiben, der mit ins Grab gelegt werden kann. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Kinder an der individuellen Gestaltung von Sarg oder Urne unter einfühlsamen Begleitung einer Kunsttherapeutin teilnehmen zu lassen. Ein solches Angebot besteht zum Beispiel in unserem Hause.

Vor allem, wenn die Kinder bereits ein wenig älter sind, ist es in der Regel sinnvoll, mit dem Trauerredner oder dem Geistlichen zu vereinbaren, sie in seine Ansprache einzubeziehen und sich auch – ihrer jeweiligen Entwicklung entsprechend – direkt an sie zu wenden.

Wichtig ist es auf jeden Fall, das Kind auf den Ablauf der Trauerfeier oder der Beisetzung vorzubereiten. Das muss natürlich behutsam geschehen, doch es ist immer besser, die Dinge beim Namen zu nennen. Überhaupt nicht kindgerecht wäre es, Kindern zu erzählen, dass der Verstorbene im Sarg „nur schlafen“ würde – das kann im Gegenteil dazu führen, dass Kinder Ängste vor dem Schlafengehen zu entwickeln, weil sie fürchten, auch nicht mehr aufzuwachen.

Nicht verheimlichen

Auch schon ganz kleine Kinder haben meistens ein gutes Gespür dafür, wenn „etwas nicht stimmt“, wenn also zum Beispiel Eltern und andere Erwachsene auf einmal sehr bedrückt sind. Ihnen den Grund dafür zu verheimlichen, kann tiefe Verlustängste schüren. Viel besser ist es, liebevoll und vorsichtig mit ihnen über die Situation zu sprechen, so dass die Kinder wissen, weshalb Mama und Papa zurzeit so oft traurig sind – und dass das nicht an ihnen selbst liegt.

Kindern die Unbefangenheit lassen

Wenn Kinder von einem Todesfall berührt sind, sollten die Eltern versuchen, alle ihre aufkommenden Fragen so behutsam, aber auch so offen wie möglich zu beantworten. Sie sollten allerdings vermeiden, selbst immer wieder das Thema bei ihren Kindern anzusprechen und sich auch nicht wundern, wenn diese gar nicht durchgehend traurig sind: Das können sie nämlich nicht, und das ist auch gut so. Erst ab ungefähr dem siebenten Lebensjahr entwickeln Kinder überhaupt erst die Fähigkeit zum Trauern.

Und sie trauern auf ihre Weise, und zwar so weit und so lange, wie sie es verkraften können – um dann auch wieder völlig unbefangen und fröhlich zu sein.

In meiner Tätigkeit als Trauerbegleiterin weise ich immer wieder darauf hin, dass dieses kindliche Verhalten auch für uns als Erwachsene eine große Hilfe sein kann bei der Bewältigung der eigenen Trauer: Denn so können wir lernen, trotz des Verlustes auch wieder schöne Momente erleben und genießen zu können – ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.